Wandellesung in der Kunsthalle

Einmal im Monat trafen sich Schreibende in der Kunsthalle Bremen und ließen sich von den Bildern inspirieren. Es entstanden Texte, die poetisch, nachdenklich, ironisch oder impulsiv die Kreativität der Werke neu beleuchten. Die beeindruckenden literarischen Blitzlichter reflektieren von Overbeck bis Modersohn-Becker, von Kirchner bis Beckmann unterschiedliche Momente des Augenblicks und der Unvergänglichkeit. Bei der Wandellesung in der Kunsthalle werden die Autorinnen und Autoren ausgewählte Texte direkt am Kunstwerk präsentieren.

In Kooperation mit der Kunsthalle Bremen und der Bremer Volkshochschule

Sonntag, 09. Nov. 2014 , 15.00 – 16.30 Uhr
Kunsthalle Bremen, Am Wall 207

Texte aus den Schreibwerkstätten sind auf dem Blog „Museumslyrik“ nachzulesen.

Und welche Texte werden Sie hören?
Zum Beispiel diese:

Maurice Utrillo: Kirche in Villetaneuse

Utrillio

 

Jetzt lag die Straße leer da. Die Bewohner der Kleinstadt ruhten vom Mittagessen aus. Es war schwül, höchste Zeit, dass ein Gewitter die Luft reinwusch. In der Ägidius-Kirche saß Don Alfredo in seinem Beichtstuhl und döste. Ob heute noch ein Sünder kam und ihn mit schmutzigen Geschichten versorgte?
Die Kirchentür knarrte. Don Alfredo hörte Schritte.  Er zog den Vorhang des Beichtstuhls vorsichtig zur Seite, nur einen Spalt weit. Er sah zwei Männer, dunkel gekleidet, sie kamen langsam auf ihn zu. Der Größere trug einen Sack, ein länglicher Gegenstand zeichnete sich ab. Vor dem Seitenaltar, wenige Meter vom Beichtstuhl entfernt, blieben sie stehen. Der Kleinere griff nach der Jungfrau Maria, umfasste Brust und Rücken, der Andere zog aus dem Sack ein Beil hervor und hieb auf den Sockel der Jungfrau ein. Mit wenigen Schlägen löste er Maria aus der Verankerung und hielt den Sack auf, während der Kleinere unter Stöhnen die Figur hineingleiten ließ.
Don Alfredo merkte, dass ihm der Schweiß über Gesicht und Rücken lief. Jetzt galt es, Maria zu retten. Er setzte zu einem Schrei an. „In Gottes Namen, versündigen Sie sich nicht!“, wollte er rufen.
Stattdessen sank er wie gelähmt in sich zusammen und blieb stumm.
Der Große wuchtete den Sack auf seine Schulter; unauffällig, wie sie gekommen waren, verschwanden sie.
Was aber sollte Don Alfredo seiner Gemeinde erzählen? Alle wussten doch, dass er um diese Zeit im Beichtstuhl saß!

H.S.

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Den Tag über hatte die Kirche in der Sonne geschwitzt. Die Hitze der Straße war bis hoch ins Gebälk gestiegen und legte ein Gewand auf die Glocken, das nach Staub und Stein und Bronze roch.
Als sich der Abend auf das Dach niedersenkte, begann das Gebälk zu sprechen. In tiefen Tönen zog und drückte es gegeneinander und blieb nur unerhört, während die Glocken nach Regelmäßigkeit riefen.
Die Luft kühlte sich ab und die Fenster ächzten im Rahmen, die Ziegel an den Wänden und in den Mauern stöhnten. Noch immer staute sich die Hitze unter dem Dach. Die Holzstufen schwiegen resigniert und die Glocken hingen tonlos im Turm.
Dann, mit einem Mal, öffnete sich ein Fenster. Der kalte Luftzug ließ alle wonniglich durchatmen. Das Fensterbrett knirschte unter der Last zweier Füße, nur kurz, dann gaben diese es wieder frei.Das Fenster blieb die Nacht über offen, so dass sich der Turm zu alter Schönheit reckte, so kam es ihm vor, und in seine volle Höhe. Hoch genug für einen Sprung in die Tiefe war er schon oft gewesen. Aber heute labte die kühle Luft jedes Holz und jeden Stein. So ist es gut, dachte das Kirchendach. Und der Turm stimmte ihm zu.

Lisa Barth

 

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